Brauchen wir Nahrungsergänzungsmittel?

Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Und das Interesse an den Produkten auch. Aber was sagen Experten zu Nahrungsergänzungsmitteln?

Keine Frage wird unter Ernährungswissenschaftlern derzeit so kontrovers diskutiert wie diese: Brauchen wir eine tägliche Ration an Nahrungser­gänzungs­mitteln oder sollten wir davon die Finger lassen? Hier die Meinungen der zwei Richtungen:

Die eine - dazu gehört zum Beispiel die bekannte Deutsche Gesellschaft für Ernährung - sagt: Wer sich abwechslungsreich ernährt, viel Gemüse, Obst und Vollkorngetreide zu sich nimmt, braucht keine weiteren Zusätze. Lediglich für Risikogruppen wie Schwangere, Hochleistungssportler, Raucher oder Senioren, die sich einseitig oder unzureichend ernähren, könne eine Nahrungs­ergänzung notwendig sein.

Die gegenteilige Meinung wird zum Beispiel von dem Vitamin-Spezialisten und Mediziner Dr. Rath vertreten. Für ihn steht außer Frage, dass unter der Bevölkerung ein Mangel an Vitaminen und Spurenelementen weit verbreitet ist und für viele schleichende Krankheiten verantwortlich ist.

Was ist eine abwechslungsreiche Ernährung?

Abwechslungsreich ernähren - für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung heißt das: Fünf mal am Tag sollen wir Obst und Gemüse essen. Oder in Zahlen: 600 bis 800 Gramm frisches Obst und Gemüse. Doch in der täglichen Praxis sieht das ganz anders aus: Mittags ein paar ausgelaugte Salatblätter als Vorspeise und verkochte Brokkolie als Gemüsebeilage, nachmittags einen knackig-grünen Apfel.

Die Verfechter von Nahrungsergänzungsmitteln haben ein leichtes Spiel, wenn sie auf die Defizite im Ernährungsverhalten der Deutschen hinweisen. Denn nicht nur die Menge an Obst und Gemüse liegt in der Praxis weit von dem 5-mal-am-Tag-Ziel der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entfernt, auch die Qualität von Obst und Gemüse lässt zu wünschen übrig. Falsche Zubereitung oder unsachgemäße Lagerung verringern schon vor dem Genuß die Vitamine und Spurenelemente. Aber die Gefahr kommt noch aus einer ganz anderen Ecke.

Mineralien und Vitamine in Obst und Gemüse um bis zu 92 Prozent zurückgegangen

So machten Ernährungswissenschaftler vom Schwarzwald-Sanatorium Obertal vor einigen Jahren folgendes Experiment, das in der Welt am Sonntag nachzulesen war: Auf einem Gemüsemarkt in Karlsruhe und in der Gemüseabteilung einer großen Lebensmittelkette in Freiburg kauften sie stichprobenartig zwei identische Lebensmittelkörbe. Der Inhalt: Brokkoli, Bohnen, Fenchel, Möhren, Kartoffeln, Spinat, Äpfel, Bananen und Erdbeeren. Diese Lebensmittel wurden in einem neutralen Lebensmittellabor in Karlsruhe nach ihrem Gehalt an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen untersucht. Verglichen wurden diese Werte mit einer offiziellen Nährstofftabelle aus dem Jahr 1985. So stellte man zum Beispiel fest, dass durchgängig alle gemessenen Mineralien und Vitamine um bis zu 92 Prozent zurückgegangen waren.

  • Der Calcium-Gehalt im Brokkoli war um 68 Prozent zurückgegangen, bei der Folsäure um 52 Prozent.
  • Bei den Möhren sahen die Werte so aus: minus 17 Prozent beim Calcium, minus 57 Prozent beim Magnesium.
  • Gelitten hat in den Jahren auch die Qualität von Spinat:  Magnesium minus 68 Prozent, Vitamin B6 minus 59 Prozent, Vitamin C minus 58 Prozent.
  • Schlechte Werte auch bei der Banane: Calcium minus 12 Prozent, Folsäure minus 84 Prozent, Magnesium minus 13 Prozent und Vitamin B6 minus 92 Prozent.
  • Eine der wenigen Ausnahmen war der Fenchel: Hier war der Calcium-Gehalt um 62 Prozent und der Magnesium-Gehalt um 45 Prozent gestiegen.

Pflanzen können nicht mehr genügend Mineralien aufnehmen und Vitamine bilden

Insgesamt also schlechte Werte für das Obst und Gemüse. Als Ursache für diese Entwicklung werden u.a. die Auslaugung und Überdüngung der Böden (auch in den Anbaugebieten der Südfrüchte), die zunehmende Umweltbelastung, die frühe Ernte der Früchte sowie die länger gewordenen Transportwege genannt.
Auch die Zuchtbedingungen machen den Pflanzen zu schaffen. Sie werden auf immer schnelleres Wachstum getrimmt und können nur noch unzureichend Inhaltsstoffe aufnehmen.

"Subklinische Mangelzustände"

Alarm schlägt auch der Spezialist für Ernährungsfragen, Prof. Dr. Heinz Liesen: „Wir müssen davon ausgehen, dass mehr als zwei Drittel aller Deutschen ab 50, 55 Jahren zunehmend an subklinischen Mangelzuständen leiden.“ Krank ist man in einem solchen Zustand noch nicht, doch die Leistungsfähig­keit ist beeinträchtigt. Die Befindlichkeitsstörungen - Schlaf­losigkeit, Konzentrations­schwäche - nehmen zu.

Wenn die Lebensumstände, auch bei durchaus abwechslungsreicher Ernährung, tendentiell zu einem Mangel an Vitaminen und anderen Vitalstoffen führen, welche Alterna­tiven stehen einem zur Verfügung?

Entweder Vitaminpillen oder natürliche Nahrungsergänzungsmittel

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man greift zu synthetischen Multivitaminpillen oder Mineralstoffpräparaten mit klar definierten Inhaltsstoffen oder man isst täglich zusätzlich Nahrungsmittel mit einem natürlich hohen Vitalstoffanteil, die man als natürliche Nahrungsergänzungsmittel bezeichnen könnte.

Unzählige Produkte - vorzugsweise als Tabletten, Kapseln, Pulver oder in flüssiger Form - gibt es derzeit auf dem bundesdeutschen Markt. Erhältlich sind sie in Reformhäusern, Naturkostgeschäften, Apotheken oder über Direktversender.

Natürliche Nahrungsergänzungsmittel unterscheiden sich durch die unterschiedlichen Schwerpunkte bei der Vitalstoff­zu­sammen­­setzung. Und daraus resultieren auch verschiedene Anwen­dungs­bereiche. Es gibt Ergänzungsmittel, die als Vitalstoff­spender bezeichnet werden können. Man kann sie täglich zu sich nehmen und sie heben langfristig das allgemeine Vitalstoffniveau in den Körperzellen. Hier steht kein bestimmter Wirkstoff im Vorder­grund. Typische Vertreter sind nicht-vitaminisierte Multivitaminsäfte aber auch Algenprodukte, Aloevera, Sanddorn oder Gerstengras.

Natürliche Nahrungsergänzungsmittel: Was es zu beachten gilt

Daneben gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die sich durch spezifische Eigenschaften auszeichnen und insbesondere zur Behandlung spezieller gesundheitlicher Probleme in Frage kommen. Zwei Beispiele: So fördert Gingko die Durchblutung und verbessert die Sauerstoffversorgung in den Zellen. Die Nachtkerze - eine Pflanze - enthält Stoffe, die sich bei der Behandlung trockener Haut bewährt haben. Das Nacht­kerzen­öl wird auch zur Therapie des prämenstruellen Syndroms empfohlen.

Wer natürliche Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen will, sollte ein paar grundsätzliche Dinge beachten:

Es handelt sich um Naturprodukte. Wenn sich also allergische oder andere Reaktionen zeigen, sollte man die Einnahme lieber erstmal absetzen oder die Menge reduzieren. Der Reichtum an Vitalstoffen - das unschlagbare Plus natürlicher Nahrungsergänzungsmittel - entpuppt sich leider manchmal auch als Nachteil. Denn nicht immer ist die Wirkung aller Inhaltsstoffe bekannt. Deshalb sollte man sich auch immer an die Einnahmeempfehlungen der Hersteller halten und es nicht übertreiben. Viel hilft auch hier nicht viel.

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