Dank Verhaltenstherapie normal leben

Viele psychische Störungen sind erlernt und können deshalb wieder verlernt werden

Jeder – oder zumindest fast jeder – hat so seine kleine heimliche Macke. Was nicht weiter schlimm ist. Doch wenn sie so sehr dominiert, dass die Lebensqualität darunter leidet und ein normales Leben nicht mehr möglich ist, dann kann oft mit einer Verhaltenstherapie eine Änderung erreicht werden.

 Ist die Kaffeemaschine auch wirklich aus und keine Herdplatte an, wenn man das Haus verlassen will? Einmal nachsehen reicht nicht, ein zweites Mal (nur zur Sicherheit) muss schon sein. Oder: Das Licht am Auto kann ja noch brennen . . . lieber noch mal zum Parkplatz gehen und nachsehen – obwohl man weiß, dass man den Ausschalter betätigt hat.

Mit solchen kleinen Skurrilitäten kann man leben.

Aber was ist, wenn Verhaltensweisen so gravierend sind, dass sie das Leben massiv beeinträchtigen und ein normales Verhalten unmöglich machen?

Zwei Beispiele: Sie fühlen sich unwohl, wenn Sie alleine über einen großen leeren Platz gehen müssen? Das ist nicht weiter tragisch, denn solange Sie trotzdem gehen, können Sie damit leben. Aber was ist, wenn Sie sich gar nicht mehr aus dem Haus wagen? Wenn jeder Gang in die Öffentlichkeit von Schweißausbrüchen und Zittern begleitet wird?

Verhaltenstherapie: Psychische Störungen beruhen auf einem erlernten Verhalten und können deshalb auch wieder verlernt werden

Oder Sie sind schüchtern, gehören zu den Ruhigen, reden eher zuwenig als zuviel. Auch damit können Sie gut durchs Leben kommen. Was nicht ausschließt, dass Sie daran „arbeiten“, weniger schüchtern aufzutreten – wenn Sie es denn wollen. Aber wenn Sie jemanden ansprechen sollen, jedoch nur mühsam, wenn überhaupt, ein Wort heraus bekommen, sich nur schwer verständlich machen können, dann beeinträchtigt dieses Unvermögen das Leben massiv. In einem solchen Fall kann eine Verhaltenstherapie helfen.

Hinter diesem Begriff verstecken sich viele Verfahren, denen aber die gleiche Theorie zugrunde liegt: Psychische Störungen beruhen auf einem erlernten Verhalten und können deshalb auch wieder verlernt werden.

Sie können nicht einschlafen? Die Verhaltenstherapie kann Ihnen helfen: So geht es

Wenn die Fälle einfach(er) gelagert sind, geht das vielfach sogar ganz ohne professionelle Hilfe, obwohl auch hinter folgendem Tipp nicht anderes als Überlegungen der Verhaltenstherapie stecken: Sie haben beispielsweise Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Vorausgesetzt, dass sich dahinter keine ernsthafte Erkrankung verbirgt, geht es um das „Trainieren von schlafbegünstigendem Verhalten“, so der Psychotherapeut Christoph Wölk vom Schlaflabor der Universität Osnabrück. Erreicht wird das durch eine Verknüpfung der Schlafumgebung mit Ruhe und Entspannung: Fernseher, Handy oder Tablett-PC haben nichts im Schlafzimmer zu suchen.

Sein Einschlaf-Tipp: Wenn es in 30 Minuten nicht gelungen ist einzuschlafen, dann sollte man wieder aufstehen und das Schlafzimmer verlassen und erst dann zurückkommen, wenn man sich müde fühlt. Das Ziel ist es, „auf diese Weise eine Verknüpfung der Schlafumgebung mit Nervosität, Angst oder Ärger nicht entstehen zu lassen bzw. wieder abzubauen“, so der Psychotherapeut.

Spätestens aber dann, wenn mit Rollenspielen ein neues Verhalten eingeübt und das alte abtrainiert werden soll, braucht man professionelle Unterstützung.

Ziel von Rollenspielen ist es, die inneren Hemmungen zu überwinden

Wer Angst davor hat, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, kann mit einem professionellen Selbstsicherheitstraining weiterkommen. Hier geht es darum, übertriebene Befürchtungen aller Art zu zerstreuen: Zum Beispiel die Angst, abgewiesen und in seinen Gefühlen verletzt zu werden oder die Angst, in aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht zu werden. Objektiv begründet ist diese Angst nie. Ziel von Rollenspielen ist es, die inneren Hemmungen zu überwinden, die angsteinflößenden Gedanken zu zerstreuen und sich somit mehr Handlungsalternativen zu eröffnen und seine Lebensqualität zu verbessern.

Auch Übergewicht lässt sich mit Verhaltenstherapie behandeln

Kontrolle über das eigene Verhalten zu gewinnen ist häufig das Ziel einer Verhaltenstherapie: Gewichtsprobleme lassen sich vielfach so in den Griff bekommen, aber auch Alkoholmißbrauch oder Lernschwierigkeiten gehören dazu.

Oft helfen auch Entspannungsübungen weiter: Betroffene lernen, sich auf einen bestimmten Reiz hin, zum Beispiel ein Wort, zu entspannen. Denn Angst geht in vielen Fällen mit körperlicher Anspannung einher.

„Systematische Desensibilisierung“ nennt sich das im Psychologendeutsch. Wenn der Betroffene gelernt hat, sich zu entspannen, stellt er sich gemeinsam mit seinem Therapeuten Situationen vor, die normalerweise stark mit Angst besetzt sind. Die Entspan­nungsübung schwächt dann die Angstgefühle ab.

So vorbereitet, können die Betroffenen sich dann mit ihren Therapeuten den angstauslösenden Situationen schrittweise nähern: Panikartige Ängste vor Spinnen, Hunden und Katzen, leeren Plätzen, Fahrstühlen oder Flugzeugen lassen sich meist dauerhaft zum Verschwinden bringen.

Ziel der Verhaltenstherapie: Unangenehme Gefühle aushalten

Therapien finden oft auch in Gruppen statt, nämlich dann, wenn soziale Fähigkeiten – zum Beispiel auf andere Menschen zuzugehen und unangenehme Gefühle auszuhalten – in Rollenspielen eingeübt werden sollen, bevor man dann unter Anleitung das Gelernte in der Wirklichkeit umsetzt.

Bis zu 60 Sitzungen kann eine Verhaltenstherapie-Behandlung dauern. Häufig ist das Ausgangsproblem auch schon nach 20 bis 30 Sitzungen verschwunden bzw. unter Kontrolle gebracht worden. Die gesetzlichen Kassen übernehmen auf Antrag die Kosten einer Verhaltenstherapie. Dabei muss eine psychische Störung mit "Krankheitswert" vorliegen: Unter anderem gehören dazu:

  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Störungen der Persönlichkeit
  • psychosomatische Störungen
  • Suchtverhalten
  • Essstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Verhaltensstörungen

Wer sich privat behandeln lässt, zahlt zwischen 70 und 100 Euro pro Stunde, wobei eine Stunde ca. 50 Minuten lang ist.

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