Kalziummangel: Warum Kalzium-Tabletten zur Gefahr werden können

Sie sprudeln lustig im Wasserglas und schmecken brauselecker – Kalzium-Tabletten sind für viele der Garant für ein knochengesundes Leben. Hunderttausende dieser Tabs werden tagtäglich konsumiert. Um vorzubeugen und bei (vermutetem) Kalziummangel. Und das, obwohl schon seit längerem bekannt ist, dass ihr gesundheitlicher Nutzen sehr bescheiden ist. Eine neue umfangreiche Studie belegt jetzt, dass Kalzium-Tabletten sogar ziemlich gefährlich sein können: Sie erhöhen signifikant das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.

 Insbesondere Frauen gehören zu den Stammkonsumenten von Kalzium-Tabletten. Sie erhoffen sich – und werden durch entsprechende Werbung bestärkt –, dass die Extraportion Kalzium in Tablettenform den Knochen gut tut und zum Beispiel Osteoporose verhindern kann. Auch im medizinischen Alltag hält sich dieser Glaube bis heute. Diagnostizierter Mangel an Kalzium muss noch nicht mal vorliegen.

Für den Knochenbau braucht unser Organismus Kalzium

Theoretisch ist der Nutzen von Kalzium-Tabletten gut erklärbar: Für den Knochenbau braucht unser Organismus Kalzium, denn die Festigkeit unserer Knochen wird durch Kalziumphosphat garantiert. Wenn den Knochen Kalzium fehlt – an Phosphor mangelt es meist nicht –, dann muss man Kalzium eben zusätzlich einnehmen. Und je konzentrierter, desto besser.

 Das hört sich alles sehr überzeugend an – doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Schon vor gut fünf Jahren werteten Wissenschaftler aus Australien fast 30 Studien aus, die sich mit der Einnahme von Kalzium und den Folgen für Knochendichte und Knochenbrüchen beschäftigten. Ihre Frage war: Helfen Kalzium-Tabletten (mit und ohne Vitamin D) wirklich, bei Kalziummangel die Knochendichte zu erhöhen und die Gefahr von Knochenbrüchen zu minimieren?

Kalziummangel? Kalzium-Tabletten lassen die Knochendichte zunehmen, aber . . .

Insgesamt 63.897 Frauen und (einige) Männer nahmen an den Studien teil. Das Ergebnis war aus Sicht der Wissenschaftler eindeutig: Ja, die Knochendichte nimmt zu. Und ja, es lassen sich Knochenbrüche verhindern. Bei einer Einahme über einen Zeitraum von mindestens dreieinhalb Jahre zeigen sich positive Ergebnisse. Auch die Dosis für ein positives Ergebnis wird angegeben: Der beste therapeutische Effekt wird mit 1200 mg Kalzium pro Tag erreicht.

Doch solche Formulierungen, die von Kalziumtabletten-Herstellern gerne zitiert werden, dürfen über eines nicht hinwegtäuschen: Die Chance, dass man selbst von der Einnahme wirklich profitiert, ist äußerst gering.

. . .  der Nutzen ist minimal. Die meisten schlucken die Tabletten umsonst

 Über einen Zeitraum von 3,5 Jahren wird durch die tägliche Einahme von Kalzium bei 63 Personen lediglich ein einziger (!) Knochenbruch (zum Beispiel in der Wirbelsäule) verhindert. Oder anders gesagt: 62 Personen haben die Tabletten umsonst geschluckt. Etwas besser sieht es bei Frauen und Männern jenseits der 70 aus. Wenn sie Kalzium-Ergänzungsmittel einnehmen, dann ist schon einer von 30 zusätzlich geschützt. Aber auch hier haben dann 29 umsonst zur Tablette gegriffen.

In der medizinischen Forschung reichen solch magere Zahlen schon aus, um von einem Erfolg sprechen zu können. Der Grund: Es gibt einen sicheren messbaren Unterschied zur Kontrollgruppe, die nichts eingenommen hat (oder kalziumfreie Placebos geschluckt hat). Über die Größe dieses Unterschieds wird ja nichts gesagt. Erst genaueres Nachfragen – zum Beispiel beim Apotheker oder Hausarzt – schafft manchmal Klarheit.

Kalzium aus der Nahrung senkt das Infarktrisiko um bis zu 30 Prozent

Und dann ist es letztendlich immer noch die eigene Entscheidung, ob man sich die Tabletten zumuten will. Denn Nebenwirkungen gibt es fast immer; auch bei Kalzium-Tabletten, wie eine Studie von Wissenschaftlern aus Deutschland und der Schweiz zeigt.

Fast 24.000 Frauen und Männer (35 – 64 Jahre alt) hatten an dem über elf Jahre dauernden Großversuch teilgenommen. Die Wissenschaftler waren der Frage nachgegangen, wie Kalzium sich auf Herz und Kreislauf auswirkt. Die Antwort ist: Kalzium aus der Nahrung senkt das Infarktrisiko um bis zu 30 Prozent. Insbesondere Milchprodukte führen zu diesem Effekt.

Gravierende Nebenwirkung: Kalzium-Tabletten erhöhen das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen

Kalzium in Tablettenform oder als Pulver hingegen erhöhen das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen – verglichen mit Frauen und Männern, die überhaupt keine Kalziummittel einnehmen.

Das schlechte Abschneiden der Kalzium-Päparate liegt ganz auf der Linie anderer Untersuchungen. Schon vor zwei Jahren hatten Wissenschaftler einen Anstieg von Herzinfarkten durch Kalziumpräparate nachgewiesen. Der Grund: Nicht jeder Mensch scheint solche Extraportionen in konzentrierter Form gut zu vertragen. „Nach der Einnahme eines solchen Präparats steigen innerhalb der nächsten sechs Stunden die Kalziumwerte im Blut auf das Höchstniveau des Normalbereichs an“, so damals Ian Reid von der neuseeländischen Universität Auckland bei der Vorstellung der Studie.

Kalziumtabletten: Gefahr, dass überschüssiges Kalzium in den Blutbahnen verbleibt

Auch in der neuen Studie wird auf diesen Mechanismus verwiesen: „Ein solcher Anstieg erfolgt nicht nach dem Essen kalziumreicher Nahrungsmittel“, heißt es dort. Denn Kalzium aus Nahrungsmitteln geht nur langsam ins Blut über.

 Bei einer Einnahme von Kalzium pur hingegen ist die Gefahr groß, dass überschüssiges Kalzium in den Blutbahnen verbleibt. Dort verbindet es sich dann mit Nahrungscholesterin zu Ablagerungen, die den Blutkreislauf behindern. Es kommt zur Verkalkung. Ian Reid: „Viele Menschen glauben, dass Kalziumpräparate etwas ganz Natürliches seien. Das sind sie aber nicht.“

Bei den Studien machte es übrigens keinen großen Unterschied, ob das Kalzium noch mit (künstlichem) Vitamin D angereichert war. Zwar hilft das Vitamin den Knochen, das Kalzium aufzunehmen. Mit einer Tablette scheint dieser Mechanismus aber nicht so richtig zu funktionieren. Der Vollständigkeit halber sollte aber erwähnt werden, dass nach der neuen Studie bei  Kombinationspräparaten (Kalzium mit Vitamin D) die Zahl der Herzinfarkte nicht ganz so stark zunimmt wie bei den Präparaten ohne Vitamin D. Als Kaufargument sollte man dieses Ergebnis aber sicherlich nicht verstehen.

Kalzium-Tabletten helfen nicht gegen Darmkrebs

Und noch eine Erwartung haben Wissenschaftler enttäuscht: Mit Kalziumpräparaten kann man nicht gegen Darmkrebs vorbeugen. Bei Studien hatte sich gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Kalziummenge und dem Auftreten von Darmkrebs gibt.

Fazit: Die Tage der oft unkritischen Empfehlung für Kalziumpräparate dürften gezählt sein. Zumal schon über die Ernährung eine ausreichende Kalziumversorgung sichergestellt werden kann.

Zusammenfassung

  1. Die Schutzwirkung von Kalziumpräparaten gegen Osteoporose ist sehr gering.
  2. Insbesondere das Kalzium aus Milchprodukten ist eine gesunde Alternative zu Kalziumpräparaten.
  3. Eine gute Versorgung mit kalziumhaltigen Nahrungsmitteln (ca. 800 mg pro Tag) senkt darüber hinaus das Herzinfarktrisiko.
  4. Es gibt keinen Beweis, dass Kalzium als Pulver oder in Tablettenform vor Darmkrebs schützt.
  5. Bei einer langfristigen Einnahme von Kalziumpräparaten (auch mit Vitamin D) steigt die Gefahr von Nierensteinen.

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