Kontrollzwang: Tipps, wie Sie lernen, normal zu leben

Was Außenstehende häufig gar nicht wahrnehmen: Ein Kontrollzwang ist nicht bloß eine „Macke“, sondern ein Ritual, das entlastet. Es hebt, wenn auch nur kurzfristig, die Stimmung und trägt zur psychischen Stabilisierung bei. Doch gleichzeitig lauert hinter dieser Entlastung schon die nächste Kontrollhandlung. „So wird die Zwangsstörung aufrechterhalten“, sagt Dr. Katarina Stengler.

Sich selbst therapieren: Lernen mit unangenehmen Gefühlen zu leben

Den Kontrollzwang zu durchbrechen ist das eigentliche Ziel einer jeden Therapie: Die Betroffenen müssen lernen, mit unangenehmen Gefühlen zu leben. Sie müssen davon abgehalten werden, ihre Stimmung durch Rituale aller Art zu heben. Das erfreuliche ist: In leichteren Fällen können die Betroffenen sich selbst therapieren, professionelle Hilfe durch einen Psychologen oder Psychater ist nicht notwendig.

Auf- und zuschließen, bis die Tür "richtig" zu ist

Dass man seinen Kontrollzwang ohne Therapeutenhilfe in den Griff bekommen kann, zeigt das Beispiel von Sabine Hecker, die als Selbständige viel unterwegs ist, und zu den „Türrüttlern“ gehörte. Das Post-Schließfach wurde jeden Morgen so lange auf- und zugeschlossen, bis es „richtig zu“ war. Das gleiche machte sie mit Haustür, Garagen- und Gartentor, das schon einmal ersetzt werden musste, weil es die derbe Bean­spruchung auf Dauer nicht aushielt.

Heute reicht eine Schlüsseldrehung und Sabine Hecker rüttelt auch nicht mehr testweise (um nachzuprüfen, ob sie auch wirklich abgeschlossen hat, beziehungsweise um nachzuprüfen, ob das Schloss wirklich das ge­macht hat, was sie mit dem Umdre­hen des Schlüssels beabsichtigt hat, denn es könnte ja auch der Schließ­mecha­nismus versagt haben . . .)

Lernen, unangenehme Gefühle zu akzeptieren

Wieso es mit dem Abschließen plötzlich klappt? Sabine Hecker hat das Absperren der Türen und Post­schließ­­fächer zu einem ganz bewuss­ten Akt gemacht. „Was andere können, das kann ich auch“, sagt sie selbstbewusst. Nach dem Verschlie­ßen entfernt sie sich ohne zu zögern. Es wird nicht mehr kontrolliert.

Sabine Hecker:  „Diese Gefühl, dass irgendetwas vielleicht doch nicht stimmt, muss man lernen auszuhalten. Ich habe es mir als eine Art Drogenentzug vorgestellt. Und die Entzugserschei­nungen habe ich gespürt. Ich habe im Auto gesessen und musste mir immer wieder sagen: Du fährst jetzt los und gehst nicht wieder zurück, um zu kontrollieren, ob die Haustür auch wirklich verschlossen ist.“

Nicht mehr kontrollierend eingreifen

Sabine Hecker lernte, ihre unangenehmen Gefühle zu akzeptieren. Und das erstaunliche: Sie wurden von Tag zu Tag schwächer. „Ich will nicht behaupten, dass dieser Kontrollzwang völlig verschwunden ist. Aber wenn ich nicht mehr kontrollierend eingreife, ist das nicht mehr mit unangenehmen Gefühlen verbunden. Also kann ich es auch sein lassen.“ →zurück zu Seite 1

Bewertung: 

Durchschnitt: 3.2 (5 votes)

Die Stichworte zu folgenden Themen könnten Sie ebenfalls interessieren: