Mit Margarine das Cholesterin senken? Vor Nebenwirkungen wird gewarnt

Pflanzensterine senken den Cholesterinspiegel – doch Wissenschaftler sehen Gefahren

Sie schwimmen in Joghurts und Milchdrinks oder werden in Margarine gerührt. Pflanzliche Sterine oder Pflanzensterine heißen die Zusätze, die das Cholesterin im Blut senken und deshalb als besonders gesund gelten. Doch neuere Untersuchungen lassen sie in keinem guten Licht erscheinen: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Pflanzensterine Nebenwirkungen haben können

 "Pflanzensterine senken nachweislich den Cholesterinspiegel. Ein hoher Cholesterinwert gehört zu den Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit.“ Mit diesen und ähnlichen Werbeaussagen darf für zugesetzte Pflanzensterine in Lebensmitteln geworben werden.

Hersteller von Margarine, Milch- und Joghurtdrinks machen davon auch regen Gebrauch und verkaufen die damit angereicherten Produkte mit einem satten Preisaufschlag. Denn sie wissen: Wenn es um Gesundheit geht, darf es ruhig ein bisschen teurer sein. Aber halten diese Produkte überhaupt, was die Verbraucher aus den Werbeversprechen der Hersteller heraushören?

Pflanzensterine senken den Cholesterinspiegel

Bewiesen ist – und das wird von keinem Wissenschaftler angezweifelt –, dass die zugesetzten Pflanzensterine den Cholesterinspiegel senken, genauer gesagt die LDL-Werte, das sogenannte schlechte Cholesterin. Doch die Senkung des Cholesterins ist ja kein Selbstzweck. Wer mit pflanzlichen Sterinen angereicherte Lebensmittel kauft, will gesünder und im Endeffekt natürlich auch länger leben. Nur ob sich das auf diesem Weg erreichen lässt, dafür gibt es überhaupt keine Beweise.

Im Kleingedruckten auf der Rückseite der „Active“-Margarine von Deli-Reform, kann man es sogar nachlesen. Im Stil einer Bauernregel („.... ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“) heißt es dort: „Die Veränderung einer dieser Risikofaktoren (Anmerkung: z. B. erhöhte Cholesterinwerte) kann eine positive Wirkung haben oder auch nicht.“

 Ob das die Käufer der cholesterinsenkenden Produkte auch so sehen? Vermutlich eher nicht, was ganz im Sinne der Hersteller sein dürfte. Wer seinen Tag mit einem cholesterinsenkenden Milchshake beginnt, geht in den allermeisten Fällen davon aus, dass die Senkung des Cholesterinspiegels auch seinem Herz-Kreislaufsystem gut tut. Niemand konsumiert solche Produkte im Wissen, dass das alles ziemlich überflüssig sein könnte.

Ganz anders sieht es hingegen beim klassischen Weg der Cholesterinsenkung aus:   Eine insgesamt gesündere Ernährung mit weniger Energie, Fett und gesättigten Fettsäuren sowie reichlich Obst und Gemüse kann die Werte für das schlechte LDL-Cholesterin ebenfalls senken.

Ob das Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisikos sinkt, ist nicht bekannt

Doch im Unterschied zu den mit Pflanzensterinen angereicherten Produkten ist es hier wissenschaftlich bewiesen, dass im Verlauf eines Zeitraums von zwei Jahren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 25 Prozent verringert werden kann. „Ob eine Senkung des Cholesterinspiegels im Blut durch die Aufnahme von phytosterinreicher Margarine eine ähnlich starke Reduktion des Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisikos mit sich bringt, ist nicht bekannt“, stellte der Ernährungswissenschaftler Bernhard Watzl vom Max Rubner-Institut in Karlsruhe schon vor gut zehn Jahren fest.

Geändert hat sich seitdem nichts. Schmeißen Konsumenten also schlimmstenfalls nur ihr Geld aus dem Fenster, wenn sie mit Phytosterinen angereicherte Nahrungsmittel kaufen? Leider nein. Denn von den Zusätzen gehen möglicherweise sogar Gefahren aus.

Hinweise, dass Phytosterine schädliche Wirkungen haben können, gibt es schon seit Jahren. Oliver Weingärtner vom Universitätsklinikum des Saarlandes und andere Wissenschaftler haben die Diskussion wieder angestoßen. Sie sahen sich bei Herzoperationen entnommene Aortenklappen (eine der vier Herzklappen) einmal näher an. Im Klappengewebe fanden sie Ablagerungen von Phytosterinen.

Würden Sie auf einmal 424 Tomaten, 11 Tassen Erdnüsse, 150 Äpfel oder 80 Orangen essen?

Doch nicht nur das: Es bestand auch ein enger Zusammenhang zwischen dem Konsum von mit Pflanzensterinen angereicherter Margarine und stark erhöhten Ablagerungen, die dort nicht hin­ge­­hören. Experimente mit Mäusen zeigten darüber hinaus, dass in großen Mengen konsumierte pflanzliche Sterine Blutgefäße schädigen können. Sind diese Margarinezusätze also gefährlich?

Um den Cholesterinspiegel im Blut mit Phytosterinen spürbar zu senken, müssen zirka zwei Gramm dieser Pflanzenbestandteile pro Tag gegessen oder getrunken werden, was von den Herstellern der entsprechenden Produkte auch empfohlen wird.

Doch was die wenigsten wissen: Um auf diese gering erscheinende Menge zu kommen, müssten entsprechend 424 Tomaten, 11 Tassen Erdnüsse, 150 Äpfel oder 80 Orangen gegessen werden – wohlgemerkt, pro Tag. Denn die Phytosterine sind immer nur in Spuren enthalten. Auch wenn Obst und Gemüse gesund sind, diese Mengen sind es mit Sicherheit nicht. Da stellt sich die Frage: Warum sollten dann die in Margarine und Milchgetränken konzentriert enthaltenen Phytosterine auf Dauer dem Körper gut tun?

Erhöhte Phytosterinwerte gehen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkran­kun­gen einher

Wissenschaftler sind vorsichtige Menschen. Dass mit Phytosterinen angereicherte Nahrungsmittel definitiv schädlich und ein eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind, sagen sie bislang nicht. Doch Experten wie Oliver Weingärtner und andere gehen aufgrund ihrer Forschungsergebnisse zumindest davon aus, dass es Anhaltspunkte dafür gibt, dass erhöhte Phytosterinwerte im menschlichen Blut mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkran­kun­gen einhergehen. „Was man für den Menschen schon jetzt sicher sagen kann ist, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich Sterine positiv auswirken“, so Professor Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum des Saarlandes in der „Ärzte Zeitung“.

Besonders risikoreich lebt, wer nicht nur angereicherte Margarine, sondern am gleichen Tag auch noch entsprechend aufgepeppte Getränke zu sich nimmt und damit die empfohlene Tagesration an Phytosterinen kräftig überschreitet.

Sehr gefährlich: Wenn gesunde Kinder angereicherte Margarine essen

Wie eine repräsentative Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung ergeben hat, werden diese Produkte sehr häufig auch von Menschen konsumiert, die nur vermuten, dass sie einen erhöhten Cholesterinspiegel haben. Über 50 Prozent der Konsumenten, darunter auch Kinder, gehören gar nicht zur Zielgruppe mit erhöhten Werten. Oder die Cholesterinsenker werden zur Vorbeugung genommen, was gar nicht möglich ist. Das Institut schreibt: „Der Verzehr von Lebensmitteln mit Phytosterinen sollte von gesunden Menschen, die keinen erhöhten Cholesterinspiegel haben, ausdrücklich vermieden werden.“

Phytosterine sind Vitaminräuber

Was kaum jemand weiß: Phytosterine sind Vitaminräuber. Fettlösliche Vitamine, zum Beispiel Carotine und Vitamin A, werden unter ihrem Einfluss schneller aus dem Blut gefiltert. Die abschließende Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung: Es sollten keine weiteren Lebensmittel mit Phytosterinzusatz mehr zugelassen werden.

Und was sagen die betreffenden Lebensmittelhersteller? Wir fragten bei Unilever („Becel pro activ“) nach. Dort verweist man auf wissenschaftlichen Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit belegen.

Margarine-Hersteller sagt: "Produkte sind wirksam und sicher"

Und auf die Frage, ob es im Interesse der Verbraucher nicht besser wäre, zumindest bis zur endgültigen Klärung aller offenen Fragen die mit Pflanzensterinen angereicherten Lebensmittel aus dem Handel zu nehmen?

Nein, so die Antwort, es sei „nicht notwendig die Produkte aus dem Handel zu nehmen, denn die Produkte sind wirksam und sicher.“  (erschienen in feminin & fit 4/2010)

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