Mobbing: Frauen als Opfer

Mobbing macht krank, insbesondere Frauen. Denn der psychosoziale Terror am Arbeitsplatz wird von ihnen viel eher wahrgenommen und nicht so leicht weggesteckt. Wer Mobbing-Opfer geworden ist, muss handeln und sich schnellstmöglich Bündnispartner im Betrieb suchen.

Mobbing hat Konjunktur. Nach Gewerkschaftsstudien waren in Deutschland eineinhalb der 35 Millionen Beschäftigten schon mal das Ziel von Mobbing-Attacken. Zwar sind nach einer empirischen Studie Männer und Frauen etwa gleich von dem Problem betroffen. Doch Frauen reagieren auf Mobbing anders. Die Mobbing-Beraterin Gabriele Haben: „Eine typische Frage einer mobbingbetroffenen Frau ist: ‘Bin ich an diesem Arbeitsplatz eigentlich richtig?’ Während ein Mann eher fragt: ‘Wie kann ich da bleiben, wo ich bin, so wie ich bin?’“

Mobbing-Telefon: 76 Prozent aller Anrufer sind Frauen

Auch eine Auswertung von 200 Anrufen beim Mobbingtelefon des Berliner Vereins Perspektive für Berufs- und Lebensgestaltung ergibt: 76 Prozent aller Anrufer waren Frauen, 24 Prozent Männer. Gabriele Haben bringt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen überspitzt so auf den Punkt: „Männer fragen nach einem guten Anwalt. Frauen stellen sich die Frage nach dem eigenen Anteil am Mobbing-Geschehen und nach dem eigenen Veränderungspotential.“

Frauen übernehmen traditionell die Verantwortung für das Miteinander von Menschen. Sei es zu Hause oder auf der Arbeit. Und genau diese soziale Komponente macht sie so anfällig für Mobbing. Auch wenn es gerade in der Anfangsphase von Mobbing für Außenstehende und der betroffenen Person schwierig ist, Mobbing von „normalen“ Meinungsverschiedenheiten zu unterscheiden, gibt es ein wichtiges Kriterium für Mobbing: Es liegt ein Konflikt zugrunde, der zu systematischen Feindseligkeiten und Ausgrenzungen am Arbeitsplatz führt. Die größte Schwierigkeit ist, diesen Konflikt zu benennen. Denn nur wenn feststeht, was die Ursache für das Mobbing ist, können auch Lösungswege gefunden werden.

Doch die, die mobben, haben oft gar kein Interesse, den Konflikt aufzuklären. Ihr Ziel lautet: Die Person muss verschwinden oder ihr Verhalten ändern. Dass die Mittel unter der Gürtellinie liegen und asozial sind, weiß zumindest der Meinungsführer unter den Mobbern. Oft genug sind es gerade Leistungsträger, motivierte neue Mitarbeiterinnen oder neue Vorgesetzte, die von den „alten Hasen“, die Angst um ihre Pfründe haben, gemobbt werden.

Schwierigste Frage: Handelt es sich um Mobbing?

Wie soll ein Mobbingopfer – und man sollte möglichst schnell erkennen, dass es sich um Mobbing handelt – nun tun? Keine großen Hoffnung sollte der Gemobbte in persönliche Gespräche mit den Mobbern setzen. Auch wenn das in der Mobbing-Literatur oft empfohlen wird. Zu glauben, dass Mobber freiwillig ein Einsehen haben und selbst das Mobben aufgeben, ist naiv.

Untersuchungen jedenfalls zeigen, dass sich die Situation für den Gemobbten eher verschlechtert. Und spontan („Jetzt reicht es mir“) einfach den Betriebsrat (wenn vorhanden) oder einen Vorgesetzten einzuschalten, muss nicht immer etwas für den Gemobbten bringen. Insbesondere dann nicht, wenn das Mobbing vom (direkten) Vorgesetzten ausgeht.

Das ist häufig dann der Fall, wenn Betriebe Personal loswerden wollen und dadurch hoffen, dass der Arbeitnehmer selbst kündigt (mehr dazu weiter hinten im Text). Viel sinnvoller ist es, erst einmal die Machtverhältnisse im Betrieb zu analysieren. Dann sucht man sich Verbündete. Denn die, die mobben, haben nicht nur Freunde im Betrieb.

Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen?

Wenn man weiß, dass der Vorgesetzte eine starke Stellung in der Firmenhierarchie hat, Konflikten nicht aus dem Weg geht und sich mit ziemlicher Sicherheit auch des Problems annimmt, dann sucht man das Gespräch; sonst sollte man es lieber sein lassen.Oder es wird eine Hierarchieebene übersprungen. Aber den Schritt sollte man sich gut ü̈berlegen und zum Beispiel mit einer Vertrauensperson absprechen.

Zugegeben, wer neu im Betrieb ist und/oder seine ganze Arbeitskraft in die Inhalte seiner Arbeit investieren will, wird mit solchen strategischen Überlegungen – wie gehe ich am geschicktesten vor? – Schwierigkeiten haben. Doch es ist manchmal unglaublich, wieviel Arbeitszeit Mobber in das Organisieren und das Aufrechterhalten der Mobbingsituation investieren. Da kann es sinnvoll sein, ähnlich geplant vorzugehen.

Wem das alles zu viel Arbeit macht, für den gibt es noch andere Möglichkeiten: zum Beispiel die Mobber zu ignorieren und zu warten, bis sie ihre Spielchen übertreiben und auch formal Fehler begehen, die kein Vorgesetzer mehr ignorieren kann. Aber das ist nur etwas für Menschen mit einer robusten Psyche und für Fälle geeignet, die weniger gravierend sind. Auch mit den gleichen Mitteln zurückzuschlagen, kann ein sinnvoller Weg sein – wenn auch kein sehr ehrenhafter und arbeitsrechtlich auch gefährlicher.

Doch fast noch wichtiger ist es, in einer solchen Situation Menschen zu kennen, mit denen man über die Situation am Arbeitsplatz sprechen kann. „Das ist wichtig für das seelische Gleichgewicht“, sagt Monika Lüpke, die für die Stadt Löhne einen Ratgeber für Betroffene herausgegeben hat. Doch sie mahnt zur Vorsicht: „Wenn man nur noch über die schrecklichen Erfahrungen bei der Arbeit redet, kann es dazu kommen, dass die anderen nichts mehr davon hören wollen und sich nach und nach abwenden.“

Tipps von Bekannten nicht blind übernehmen

Wer ein soziales Beziehungsgefüge außerhalb seiner Arbeit hat, kann sich oft leichter mit der Mobbing-Situation abfinden. Er wird auch viele Tipps und Hinweise bekommen, wie man die Situation in den Griff bekommen könnte. Doch blind übernommen werden sollten die Tipps nicht. Monika Lüpke: „Die Brauchbarkeit können nur die Betroffenen beurteilen.“

Wenn feststeht, dass man in dem Betrieb nicht mehr bleiben will, dann sollte man seinen beruflichen Einsatz ganz bewusst auf Sparflamme fahren (aber man sollte das natürlich nicht ankündigen). Jetzt geht es wirklich nur noch um die eigene Person. Wer bislang vielleicht ganz auf das Aufschreiben von Überstunden verzichtet hat, sollte damit jetzt anfangen. Vor einem Schritt sollte man sich dennoch hüten – der spontanen Kündigung, denn dann gibt es erst einmal kein Arbeitslosengeld.

Eigenkündigung aus gesundheitlichen Gründen?

Da der Psychoterror für die Opfer meist zu krankheitsbedingten Arbeitsausfällen führt, sollte man sich beim Arbeitsamt vor (!) der Kündigung erkundigen, welche Beweise für eine Eigenkündigung aus gesundheitlichen Gründen erforderlich sind. Denn nur wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt, wird vom ersten Tag der Arbeitslosigkeit an auch Arbeitslosengeld gezahlt.

Wer eine Abfindung angeboten bekommt, sollte nicht gleich zugreifen. Das Gespräch mit einem in diesen Dingen erfahrenen Rechtsanwalt kann sich lohnen. Schon viele Arbeitnehmerinnen haben mit anwaltlicher Hilfe auch ohne Einschaltung von Gerichten erheblich höhere Abfindungen erwirkt.

Hitliste der Bösartigkeiten

  1. Hinter dem Rücken wird Schlechtes über jemanden gesprochen
  2. Abwertende Blicke und Gesten
  3. Kontaktverweigerung durch Andeutungen
  4. Falsche oder kränkende Beurteilungen der Arbeitsleistung
  5. Gerüchte werden verbreitet
  6. Vorgesetzte schränken Äußerungsmöglichkeiten ein
  7. Entscheidungen werden (vor anderen) in Frage gestellt
  8. Man bekommt Arbeitsaufgaben weit unter seinem Können zugeteilt
  9. Man wird lächerlich gemacht
  10. Ständige Unterbrechungen

Hier finden Mobbing-Opfer Hilfe

  • Erste Anlaufstellen können Vorgesetzte sein – vorausgesetzt, sie sind in dem Konflikt neutrale Instanzen und mobben nicht selbst.
  • Auch der Personal- oder Betriebsrat kann ein wichtiger Gesprächs- und Bündnispartner sein.
  • Gewerkschaften haben meist auch kompetente Ansprechpartner.
  • Die AOK unterhält ein Mobbing-Telefon, das für einen schnellen Rat zur Verfügung steht, Tel.: 040/20230209.
  • Die MobbingLine NRW ist unter der Nummer 01803/100-113 von Montag bis Donnerstag zwischen 16 und 20 Uhr erreichbar (auch für Bewohner anderer Bundesländer). Internet: www.mobbingline.nrw.de
  • Eine telefonische Beratung kann nur der Anfang sein. Ein persönlicher Ansprech­partner, der Erfahrung mit dem Thema Mobbing hat, ist sinnvoller. Der Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing in Wiesbaden, Tel.: 0611/541737 (www.vpsm.de), weiß, wo in Ihrer Nähe eine Beratungsstelle, ein Psychologe mit Mobbing-Erfahrung oder ein Anwalt ist. Von dort gibt es auch weiterführendes Info-Material.
  • Mittlerweile gibt es in fast allen großen Städten Mobbing-Selbsthilfegruppen. Wo es in Ihrer Nähe Selbsthilfegruppen gibt, können Sie beim Netzwerk der Mobbing-Selbsthilfegruppen in Sörgenloch, Tel.: 06136/7608835, erfahren.

Lektüreempfehlungen:
Gabriele Haben und Anette Harms-Böttcher: Mobbing – Frauen steigen aus, Verlag Orlanda,
Preis: 14,90 EUR (D)
Anka Kampka u.a.: Keine Angst vor Mobbing! Strategien gegen den Psychoterror am Arbeitsplatz (broschiert), Verlag Klett-Cotta, Preis: 12,90 EUR (D)

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