Psychoanalyse: Freud für Einsteiger

Was passiert bei einer psychoanalytischen Behandlung eigentlich?

Über-Ich, Verdrängung, Freudscher Versprecher – den einen oder anderen Begriff aus der Psychoanalyse hat fast jeder schon mal gehört oder vielleicht sogar in seinen eigenen aktiven Wortschatz mit aufgenommen (diese und andere Begriffe finden Sie hier erklärt). Doch was passiert bei einer Psychoanalyse eigentlich? Und für wen ist diese Therapieform überhaupt geeignet?

 Ohne Couch kommt auch heute keine klassische Psychoanalyse aus. Der Patient liegt entspannt auf dem Rücken, der Analytiker sitzt am Kopfende der Couch, denn es darf keinen Blickkontakt zwischen beiden geben, könnte der doch die Suche nach der Wahrheit behindern oder vielleicht sogar ganz verhindern. Doch genau die will man ja ergründen. Mehrere hundert Sitzungen (bis zu 300 zahlen die Krankenkassen in Deutschland) sind nichts Außergewöhnliches.

Psychoanalyse will keine schnellen Erfolge, sondern den wahren Ursachen eines psychischen Leidens auf die Spur kommen. Aber was ist die Wahrheit?

Den wahren Ursachen eines psychischen Leidens auf die Spur zu kommen ist das Ziel der Psychoanalyse. Dazu muss der Patient (auch Analysand genannt) dem Psychotherapeuten (Analytiker) alles sagen, was ihm so durch den Kopf geht, egal wie lächerlich, peinlich oder nebensächlich ihm diese Gedanken erscheinen. Freie Assoziation nennt sich das Verfahren. Der Analytiker macht sich derweil Notizen und sucht in den Äußerungen nach Hinweisen auf das Unbewusste, auf Verstecktes und verdrängte Konflikte.

Sigmund Freud, der das Verfahren als einer der ersten systematisch angewandt hat, war sich sicher, dass psychische Probleme im Erwachsenenalter ihre Ursachen meist in der frühen Kindheit haben, besonders in der kindlichen Sexualität. Auch gestörte Beziehungen des Kindes zu wichtigen Bezugspersonen während der ersten Lebensjahre wirken sich nach Freud bis in das spätere Leben aus.

Ziel einer Psychoanalyse nach Freud ist es, durch Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten diese Konflikte und frühkindlichen Erlebnisse nachträglich zu verarbeiten. Durch das Bewusstmachen der unbewussten Konflikte und durch die Einsicht, welche Bedeutung diese Konflikte auf das bisherige Leben gehabt haben, sollen die psychischen Störungen sich auflösen lassen.

Der Zugang zum Unbewussten erfolgt dabei nicht nur durch die freie Assoziation, sondern auch über die Traumanalyse. Auch Widerstand gegen bestimmte Deutungen kann nach Ansicht von Psychoanalytikern den richtigen Weg weisen.

Reden befreit. Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Mit einer Vertrauensperson über Dinge zu sprechen, über die man sonst mit niemandem sprechen würde, erleichtert. Nach einem solchen Gespräch fühlen wir uns besser
In vielen Religionen gibt es ähnliche Verfahren: zum Beispiel die Beichte in der katholischen Kirche; wobei das Beichtgeheimnis verhindert, dass der Inhalt des Gesprächs als Klatsch die Runde macht.

So lässt es sich auch erklären, warum die Psychoanalyse vor rund 100 Jahren gerade in anonymen Großstädten ihren Siegeszug antrat. Jetzt hörte nicht mehr der Priester im Beichtstuhl zu und gab seine Einschätzungen und Empfehlungen ab; an seine Stelle war der Psychoanalytiker getreten.

Eine psychoanalytische Behandlung kann sich über Jahre hinziehen

Rund drei bis fünf Sitzungen pro Woche sucht der Patient seinen Analytiker auf. In dieser Zeit wird eine solche Behandlung, die sich über Jahre hinziehen kann, schnell zum Lebensinhalt. Es kann eine regelrechte Abhängigkeit erwachsen, was einer der Kritikpunkte an diesem Verfahren ist.

So spannend es auch sein mag, nach den Ursachen von psychischen Problemen zu forschen – andere Behandlungsmethoden kommen schneller zum Ziel und sind auch preiswerter. Die Psychoanalyse „ist keinesfalls die richtige Therapie für jeden Patienten“, sagt auch Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in einem Pressegespräch. Gut geeignet sei die Psychoanalyse für Menschen, bei denen vorherige Therapieversuche fehlschlugen, die immer wieder Rückfälle erlitten, wie etwa chronisch Depressive.

Doch wie bei Medikamenten schon länger üblich, wird auch in der Seelenheilkunde immer häufiger nach Beweisen für die Wirksamkeit der angewandten Methoden gefragt. Bei der Psychoanalyse sieht es eher dürftig aus, denn handfeste Studien, die die Wirksamkeit zweifelsfrei belegen, gibt es nicht. Einer der Gründe: Eine Psychoanalyse dauert meist mehrere Jahre, Studien mit vielen Teilnehmern sind entsprechend teuer. Viele Psychoanalytiker halten darüber hinaus von solchen Studien prinzipiell nichts, denn die Psychoanalyse könne nicht wie eine Medizin auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Dazu sei das Verfahren viel zu komplex.

Trotz alledem: Derzeit wird am Sigmund-Freud-Institut im Rahmen einer Langzeitstudie die Effektivität der Psychoanalyse überprüft. Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.

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