TV-Spots unter der Lupe: Antistax

Flawen, die Medizin aus dem roten Weinlaub?

Es ist ein kleines Meisterwerk, das die Grafiker da geschaffen haben: Wild durch die Luft fliegende Weinlaubblätter, die sich zu einem tanzenden Paar vereinen. Antistax. Flawen, die Medizin aus dem roten Weinlaub?So beginnt die aktuelle TV-Werbung für das Venenpräparat Antistax-Extra der Pharmafirma Boehringer Ingelheim. Das Werbeversprechen im Film: „Das bioaktive Flawen stärkt und schützt ihre Venen von innen.“

Flawen? Prima, dass man das entdeckt hat. Wo der Name doch so passend ist. Flawen, das klingt schon nach einem klar definierten Wirkstoff für gesunde Venen. Doch leider, leider . . .  man wird nicht fündig in der wissenschaftlichen Literatur. In Studien sucht man vergeblich nach dieser Substanz, die doch so wirksam sein soll. Der Grund für die Nichtauffindbarkeit ist ganz einfach:

Flawen gibt es gar nicht. Es handelt sich dabei lediglich um eine willkürliche Wortschöpfung der Pharmafirma, die seit dem 4. November 2002 als sogenannte Wort-Marke beim Deutschen Patentamt in München registriert ist. Es ist, wie von Boehringer zu erfahren war, lediglich die Bezeichnung für den aus dem roten Weinlaub gewonnenen Extrakt. Flawen ist also gar keine einzelne Wirksubstanz, die erst mühsam entdeckt werden musste, wie der Werbefilm glauben machen will.

Behandlung von leichten Venenerkrankungen

Und was ist das nun genau, was in den Pillen drinsteckt? Der Blick auf den Beipackzettel, in dem Gemogel, Halbwahrheiten und Marketing-Gags verboten sind, hilft weiter: Es ist „Trockenextrakt aus roten Weinrebenblättern“, dem in Studien eine gewisse Wirksamkeit bei der Behandlung von leichten Venenerkrankungen zugeschrieben wird. Das hört sich schon viel weniger handfest an als „das bioaktive Flawen stärkt und schützt....“

Bleibt die Frage: Soll man nun Antistax-Extra einnehmen? Nach maximal drei Monaten ist ohnehin Schluss, wie die Herstellerfirma im Beipackzettel selbst empfiehlt. Vermutlich, weil man noch zu wenig über die langfristigen Nebenwirkungen weiß. Spätestens dann sind also andere Präparate an der Reihe. Oder man versucht es erst mal nebenwirkungsfrei mit viel Bewegung und kneippschen Kaltwasseranwendungen.

Venenmittel kühlt und strafft die Haut

Übrigens: In der Schweiz und in Österreich bindet man dem Publikum keinen Flawen-Bären auf. Dort kommt die Werbung ohne diesen Namenszauber aus.
Und noch etwas: Venencreme, Venengel und Kühlspray, die auch diesen Trockenextrakt enthalten, sind aber definitiv nur ein Placebo. „Der subjektive Eindruck der Besserung nach der Nutzung vieler äußerlich aufzutragender Venenmittel beruht wohl auf dem Kühleffekt sowie der Straffung der Haut nach dem Eintrocknen“, wie es im Pharmahandbuch „Bittere Pillen“ heißt. Das Empfehlungsurteil für die Creme lautet: „Wenig zweckmäßig“. Diese Bewertung erhalten Präparate zum Auftragen auf die Haut. „bei denen mit keiner therapeutischen Wirkung, aber auch nicht mit wesentlichen Nebenwirkungen zu rechnen ist.“ Na, immerhin! →nächster Bericht

Erschienen in feminin & fit 1/2011

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