Wie Chemikalien Hormone durcheinander bringen

 Erst in Ansätzen haben Wissenschaftler bis heute das Hormonkonzert in unserem Körper durchschaut. Immer neue Hormone werden entdeckt, deren Aufgabe oft nicht sofort klar ist. Doch dieses Konzert wird zunehmend von Chemikalien durcheinander gebracht.

Allein das Auslösen des Hungergefühls wird von so vielen Hormonen gesteuert, dass Wissenschaftler wie der Biomediziner Matthias Tschöp einräumen, das ganze System „noch nicht verstanden“ zu haben.

Oder Beispiel Knochen: Bis vor kurzem hielt man die für eine Art Gerüst, an dem die Körperteile befestigt sind. „Und nun stellte sich 2007 heraus, dass ausgerechnet die Knochen auch Botschaften versenden und starken Einfluss ausüben auf höchst prominente Hormone wie etwa das Insulin“, so Hans-Ulrich Grimm in seinem Buch „Die Kalorienlüge. Über die unheimlichen Dickmacher aus dem Supermarkt“ (Dr. Watson Books). Und Insulin, das den Blutzuckerspiegel senkt, ist wieder mit dem Hungergefühl verknüpft.

Doch dieses komplizierte Zusammenspiel der Hormone, das immer um so elementare Dinge wie Hunger, Essen, Ernährung oder Sexualität kreist, kann schnell aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Vielleicht sogar schneller, als wir es heute erahnen.

Denn es gibt in unserer Nahrung eine Vielzahl von Stoffen, die Wissenschaftler als Störer in diesem von der Natur fein austarierten Hormonkonzert entlarvt haben. Einer dieser Störenfriede ist zum Beispiel die Chemikalie Bisphenol A. Sie gehört zu den sogenannten Weichmachern und ist in Plastikgegenständen aller Art enthalten. Viele Plastikfolien, in die wir Nahrungsmittel verpacken, enthalten Bisphenol A. Aber die Chemikalie steckt auch in Babyfläschchen, in Konserven und sogar in vielen Nahrungsmitteln.

Bisphenol A und andere Hormonstörer für Übergewicht verantwortlich?

Bisphenol A gilt offiziell als harmlos. Doch Wissenschaftler deklarieren die Chemikalie als „Hormonstörer“, weil sie das Zusammenspiel der natürlichen Hormone durcheinander bringt. Mit gravierenden Folgen: Bisphenol A wird verdächtigt, bei vielen Menschen für Übergewicht verantwortlich zu sein, weil der Stoff das Sättigungsgefühl stört. Grimm: „Das Gehirn erhält falsche Informationen über die Versorgungslage im Körper. Es fordert Nachschub an, auch wenn die Depots proppenvoll sind.“

Auch die Ärztin Paula F. Baille-Hamilton von der Stirling Universität in Schottland sieht Chemikalien als mögliche Ursache für die „globale Epidemie der Fettleibigkeit“, denn sie „beeinträchtigen die wichtigen Gewichtskontroll­hormone“.

Seltener Sex: Chemikalien werden als Ursache gesehen

Die in den Industriestaaten seit einigen Jahren registrierte Sexual­unlust wird ebenfalls mit Hormon­störern in Verbindung gebracht. Professor Dr. Frank Sommer vom Lehrstuhl für Männergesundheit an der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf hat in einer Studie mit 10.000 Teilnehmern festgestellt, dass junge Männer vor 30 Jahren noch 18 bis 22 Mal Sex im Monat hatten. Heute sind es nur noch vier- bis zehnmal.

„Sex verliert im Abendland seine Zugkraft“, titelte in diesem Zusammenhang die Süddeutsche Zeitung. Ein möglicher Grund für die männliche Unlust: Die Hormonstörer – von denen Bisphenol A nur einer von vielen ist – wirken im männlichen Organismus häufig wie weibliche Geschlechtshormone.

Eine andere von Wissenschaftlern als Hormonstörer eingestufte Chemikalie ist der Geschmacksverstärker Glutamat. Dieser Botenstoff wirkt im Gehirn genau dort, wo der Appetit gesteuert wird. Mit der Folge, dass wir von dem betreffenden Produkt mehr essen, als wir „eigentlich“ möchten.

Was kann man tun?

Auch künstliche Aromen, die Nahrungsmittelgeschmack vortäuschen, werden zu den Störern der körpereigenen Nahrungsmittelverwertung gezählt.

Und was heißt das für uns Verbraucher? Wie sollen wir mit diesen neuen Erkenntnissen umgehen? Auch wenn etliche Wissenschaftler abwinken, alles für übertrieben halten und keine Gefahren sehen – Handeln kann nie schaden: Z. B. Nahrungsmittel mit Glutamat und künstlichen Aromen einfach nicht essen.

Und vor dem Weichmacher Bisphenol A kann man sich schützen, in dem man heiße Nahrungsmittel nicht in Plastikbehälter füllt. Denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Plastik der Weichmacher enthalten ist.
 

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